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Digitale Medien: Das sollten Eltern besser wissen!

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Egal ob in der Schule, zum Zeitvertreib oder um sich mit anderen auszutauschen: Immer mehr Kinder und Jugendliche nutzen Smartphone, Tablet, PC und Virtual Reality ganz selbstverständlich. Doch welche Auswirkungen hat das auf sie, ihre Entwicklung, ihre Fähigkeit, miteinander zu reden und ihre motorischen Skills? Und wie können Eltern die Medienkompetenz ihrer Kinder unterstützen? Wir haben mit Kristin Langer, Medienpädagogin sowie Mediencoach bei der Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht.“  darüber gesprochen, was Erwachsene über Kinder, Jugendliche und die digitale Welt wissen sollten.
Frau Langer, digitale Medien wie Smartphone und Computer sind aus dem Alltag junger Heranwachsender kaum noch wegzudenken. Wie wirkt sich das auf ihre Kommunikation aus?
Messenger-Dienste, Social-Media-Kanäle und Co. erweitern die Kommunikation der Neun- bis 15-jährigen. Die Nachrichten beim digitalen Austausch sind meist kurz und knapp, voller Abkürzungen, Codes und Emojis. Das ist keine Sprache, die sie von ihren Eltern lernen, sie erschließen sich diese Art der Kommunikation selbst.

Bleibt beim digitalen Austausch nicht einiges auf der Strecke?
Das würde ich so nicht sagen. Gefühlen wird durch Emojis Ausdruck verliehen, bei einer Sprachnachricht gibt die Stimme Informationen über den Absender weiter. Der visuelle Aspekt wird durch Fotos und Videos abgebildet. Die digitale Kommunikation ist aus meiner Sicht nicht per se schlechter, sondern nur anders.
Kirstin Langer
Gibt es Nachteile für die Jugendlichen?
Digital lässt sich oft nicht alles zu einem Zeitpunkt klären. Die jungen Heranwachsenden werden beispielsweise beim Texten unterbrochen oder der andere antwortet nicht zeitnah. So können zum einen schneller Missverständnisse entstehen. Zum anderen müssen sich die Jugendlichen immer wieder in die Situation, über die sie gerade kommuniziert haben, zurückversetzen und sich erneut darauf einlassen.
Können junge Menschen diesen permanenten Transfer schon leisten?
Es ist natürlich eine Herausforderung – und jeder wird diese unterschiedlich meistern. Medienkompetenz ist generell von der Entwicklung in unterschiedlichen Bereichen, vor allem aber von der Persönlichkeit abhängig und muss trainiert werden. Das geht am besten über Selbstbeobachtung, um eine gesunde Selbsteinschätzung zu entwickeln. Also: Kann ich das Warten auf eine Nachricht aushalten? Möchte ich den Inhalt der Sprachnachricht wirklich hören oder möchte ich beispielweise den Albtraum einer Freundin nicht detailliert geschildert bekommen? Machen die Bilder oder Videos, die ich bei TikTok oder Instagram sehe, mir Angst? Möchte ich mit der fremden Person im Videospiel wirklich chatten oder mache ich das, weil ich denke, dass es dazu gehört? Wann wird mir der digitale Austausch zu viel? Das müssen und können junge Menschen lernen, zu hinterfragen.
Wie können Eltern die Entwicklung der Medienkompetenz unterstützen?
Am wichtigsten ist es, dass Eltern die digitalen Medien ihrer Kinder kennen. Dass sie wissen, wie TikTok funktioniert, welche Kommunikationsmöglichkeiten es bei den Videospielen gibt. Und wer sein Kind unterstützen und schützen möchte, muss im Gespräch bleiben. Eltern sollten sich mit ihren Kindern darüber austauschen, wie man sich verhält, wenn ein Fremder einen Link oder ein Video schickt. Ob man einen Kettenbrief weiterleitet. Oder ob jede Nachricht sofort beantwortet werden muss. Ein anderer wichtiger Faktor ist es, die Selbstregulation der Jugendlichen zu schulen.

 

 

Schutzengel-Tipp

Eltern sind die wichtigsten Begleiter für Kinder – nicht nur beim Thema Mediennutzung. Wohl jede Mutter und jeder Vater wünscht sich, dass ihr Kind wohlbehütet und sicher aufwächst, und dies in jeder Entwicklungsphase. Die Provinzial ist an ihrer Seite und für Familien da, wenn sie uns brauchen. Sie möchten mehr darüber erfahren? Dann empfehlen wir Ihnen die Seite speziell für Familien.
„SCHAU HIN!“
Das müssen Sie bitte erklären.
Alles, was in der digitalen Welt mit Wettbewerb, aber auch mit Belohnungen wie Likes zu tun hat, übt einen großen Reiz auf Jugendliche aus und bindet sie in dem Moment an das Medium. Im Gegensatz dazu ist die Selbstregulation, also die Fähigkeit, sich dem aktuellen, digitalen Reiz zu entziehen, noch nicht sehr stark entwickelt. Das heißt, jungen Heranwachsenden fällt es schwer, den Wunsch, in der digitalen Welt aktiv zu sein, auf später zu verschieben. Allerdings wird die Selbstregulierung auch in vielen anderen Erziehungsbereichen geschult wie Ernährung oder Bewegung, aus denen Heranwachsende das Gelernte auch nutzen können.

Auch hier sind die Eltern gefordert?Genau. Ich rate dazu, seine Kinder über die Mechanismen der digitalen Medien aufzuklären. Wenn dann noch gemeinsam Zeiteinheiten für die Mediennutzung gefunden werden, die sich gut in den Alltag integrieren lassen, ist das für alle sehr entspannend. Eltern können hier unterstützen, indem sie ihren Kindern vor Augen führen, welche Aktivitäten es außerhalb der medialen Welt gibt wie: Fußballtraining, Lernen für die Klassenarbeit, Freunde treffen, Omas Geburtstag. 

Mittlerweile verbinden sich digitale und reale Welt wie bei Virtual Reality. Hält VR nun auch Einzug in die Jugendzimmer?Bedingt. Sagen wir so: Familien nehmen VR durchaus als mögliches Erlebnis wahr – beispielsweise um Filme zu schauen oder schätzen es beim Gaming als außergewöhnliches Erlebnis. Allerdings sind Virtual Reality-Brillen immer noch recht kostenintensiv, deswegen gehören sie längst noch nicht zum Standard. 
Was empfehlen Sie Eltern beim Thema Virtual Reality und Jugendliche?
Für Virtual Reality sollten die Kinder mindestens 12 oder 13 Jahre alt sein. Laut Studien ist ihr Gehirn dann erst für die intensiven Eindrücke ausreichend entwickelt. Am besten probieren die Jugendlichen schrittweise aus, wie VR auf sie wirkt. Ich rate Eltern bei VR-Angeboten, insbesondere auf die gesetzliche Altersfreigaben sowie pädagogische Empfehlungen zu achten und diese ernst zu nehmen. Und: Machen Sie sich schlau! Welche Kommentare gibt es im Netz von Fachleuten zu den einzelnen VR-Spielen oder -Filmen? Denn Auswirkungen und Langzeitfolgen von Virtual Reality sind noch nicht ausreichend erforscht.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Medienkompetenz. Welche Beobachtungen machen Sie bei Jugendlichen immer wieder?
Junge Heranwachsende unterscheiden viel weniger als Erwachsene zwischen analoger und digitaler Welt. Sie beherrschen beides – wie zwei Sprachen, aber mit fließenden Übergängen. Sie loten aus: Kann ich Komponenten aus dem Hier und Jetzt ins Digitale übersetzen und umgekehrt? Falls nicht: Was fehlt mir dann? Und nicht zu unterschätzen ist das soziale Korrektiv von außen: Wenn ein Jugendlicher immer nur vor dem Rechner hängt, wird er möglicherweise irgendwann von seinen Freunden zu hören bekommen, dass er gar nicht mehr ansprechbar sei.
„SCHAU HIN!“

Wo sind die Grenzen bei Handy, PC & Co? Eine Mutter berichtet aus ihrem Alltag

Hannah Kosian_Copyright_privat

Hannah Kosian ist zweifache Mutter und selbstständige Tagesmutter in Selm. Sie erlebt täglich, wie schon die Jüngsten mit der digitalen Welt konfrontiert werden:

Die Kinder in meiner Tagespflege tun gerne so, als würden sie Fotos machen oder Videos drehen, allerdings mit einem Spielzeug-Smartphone. Denn außer einer Toniebox habe ich in der Tagespflege für die Ein- bis Dreijährigen keine digitalen Geräte. Zu Hause dürfen viele Fernsehen oder auf dem Handy spielen. Manchmal erschrickt es mich, wie sorglos Eltern schon kleine Kinder digitale Medien nutzen lassen oder denken, dass der Konsum sie entspannt. Ich rate Eltern, sich an offiziellen Empfehlungen zur Mediennutzung von Kindern zu orientieren. Das fällt vielen schwer, weil Smartphone, Tablet und Smart-TV zum Familien-Alltag dazugehören. Virtual Reality dagegen hat in meinem Umfeld noch keinen Einzug in die Kinderzimmer gehalten.

Bei meinen eigenen Kindern achte ich sehr genau darauf, welche Medien sie konsumieren und wie lange. Mein jüngerer Sohn wird bald vier. Er darf beispielsweise zwei bis drei Mal pro Woche ein bis zwei Folgen altersgerechte Serien schauen. Allerdings gucke ich mir die Serien vorher an, um die Inhalte zu kennen. Mein älterer Sohn ist jetzt auf der weiterführenden Schule und hat seitdem ein Smartphone mit einer Familien-App. Über diese App gebe ich die Inhalte und Apps, die er benutzen kann, frei und kann auch die Dauer der Nutzung einstellen. Mehr als eine Stunde am Tag soll er nicht am Smartphone sein. Auch Cybergrooming, also die sexualisierte Ansprache durch Fremde im Internet, Kinderpornografie oder Cybermobbing – beispielsweise in Gruppenchats – sind Themen, mit denen mein älterer Sohn und ich uns auseinandersetzen. Ich möchte, dass mein Sohn aufgeklärt ist und weiß, wie man sich richtig verhält, falls der damit in Kontakt kommen sollte.




Text: Meike Lücke, Kirstin Langer, Julia Ehlers
Quellenangabe Fotos: © „SCHAU HIN!“, privat