Faszination Oldtimer -
Leidenschaft für altes Blech

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„Oldtimer zu fahren berührt alle Sinne. Man taucht in eine andere Zeit ein“, beschreibt Jann Neunaber seine Faszination für alte Autos. Bis zu zehn Stück hatte er gleichzeitig in seiner Sammlung - aus Leidenschaft für die Stilikonen aus vergangenen Zeiten, aber auch als Wertanlage.
Ein Mercedes 190 SL aus den 50er Jahren hat seine Liebe zu Oldtimer geweckt. „Mein Vater kaufte sich dieses Auto als ich ungefähr 14 Jahre war - meine erste Berührung mit diesen ganz anderen Autos“, erinnert sich Jann Neunaber, „und dann war es auch noch ein Cabrio, ein weißer Zweisitzer mit eher femininen Formen und dunkelblauen Ledersitzen. Es hat sofort Klick gemacht.“ Es dauerte jedoch noch 20 Jahre bis er sich 2007 seinen ersten eigenen Oldtimer kaufte. „In Südfrankreich habe ich eine alte Mercedes S-Klasse gefunden, ein 250 SE vom Typ W108, außen cremeweiß und innen cognacfarben“, erzählt der 42-Jährige, „der Wagen war Baujahr 1967, dank des dortigen Klimas jedoch noch sehr gut erhalten und hatte offensichtlich immer Besitzer, die den Wagen auch liebten.“
Außerdem war das Auto erst 140.000 Kilometern gefahren, ungeschweißt und ein sogenanntes Matching Numbers Fahrzeug. Diese stehen bei Sammlern hoch im Kurs, weil sowohl Motor- als auch Getriebenummer zur Nummer des Fahrzeuggestells passen und somit die Originalität der Teile und des Wagens nachweisen. Das hat ebenso Einfluss auf den Preis eines Young- und Oldtimers wie der allgemeine Zustand des Autos, eine geringe Laufleistung oder prominente Vorbesitzer. Besondere Varianten eines sehr frühen oder sehr späten Modells mit geringen Stückzahlen steigern ebenfalls den Wert. Neunaber beschäftigte sich intensiv mit dem Thema, las viel und machte sich mit der Branche und wichtigen Eckdaten vertraut. Auf den gängigen Verkaufsbörsen wie Mobile.de und Autoscout24 schaute sich der studierte Sozialökonom gleich in ganz Europa nach interessanten Fahrzeugen um, für die andere nicht so weit fahren würden. „Für einen Mercedes E 420 W124 mit V8-Motor bin ich mal mit einem guten Freund übers Wochenende nach Bilbao in Nord-Spanien geflogen und dann die 1800 Kilometer mit 279 PS wieder zurückgefahren“, erzählt er. Alle seine Autos hat er so - auf eigener Achse - nach Hamburg geholt.
Vor allem deutsche Oldtimer haben es Neunaber angetan. Bodenständig, mit Weitsicht und Beharrlichkeit gebaut, nachhaltig konstruiert. „Da verbindet sich deutsche Ingenieurskunst mit einem guten Gespür für zeitlose Formen“, erklärt er, „bis heute sind es echte Stilikonen.“ Nicht ganz unwichtig: Mercedes bietet in einem umfangreichen Ersatzteillager auch heute noch Originalteile aus den 1930er Jahren an. Bis zu zehn Autos hatte der Oldtimerfan zeitgleich in seiner Sammlung, darunter auch eine Mercedes Pagode 280 SL von 1971 und einen 280 E W123 als Limousine, blaumetallic, komplett rostfrei und erst 90.000 Kilometer gelaufen. Im Alltag fährt er heute einen Mercedes w124 Kombi von 1996. „Eigentlich bin ich ein echter Mercedes-Mann“, lacht er, „aber mein letzter Kauf war ein Porsche 356 C.“
Als ein Freund ihm seinen klassischen Sportwagen zeigte und er auch gleich ans Steuer durfte, war Neunaber sofort fasziniert: puristisches Design, 4-Zylinder, bestechende Leichtigkeit beim Fahren. Im Gegensatz zu Mercedes bot der Sportwagen aus den 60er Jahren ein ganz anderes, neuartiges Oldtimergefühl. Auch die Entstehungsgeschichte hinter der Marke Porsche beeindruckte ihn. Bevor diese gegründet wurde, war Ferdinand Porsche für viele große Automarken wie Daimler oder Autounion als Konstrukteur tätig. Er entwarf auch den Kraft-durch-Freude-Wagen der Nazis, der jedoch erst nach dem Krieg als Volkswagen-Käfer für die Massen gebaut wurde. „Mit einem Sportwagen schuf Ferdinand Porsches Sohn, „Ferry“ Porsche, 1948 nicht nur einen Kontrast zum praktischen Käfer“, erklärt Neunaber, „der Porsche 356 war auch das erste Auto, das unter dem Namen Porsche verkauft und in Serie gebaut wurde.“
Der Vorteil der Oldtimer: Hier kann noch alles selbst in Stand gesetzt werden. „Viele Oldtimerbesitzer wollen neben einem Schreibtischjob gern auch andere Dinge lernen oder handwerklich tätig werden“, berichtet Neunaber, schränkt aber auch ein: „Alles kann man dann doch nicht selbst machen. Dafür gibt es zum Glück wertvolle Spezialisten.“ Im Laufe der Zeit hat er viele tolle Menschen getroffen, die seine Leidenschaft teilen und verfügt heute über ein gutes Netzwerk in Hamburg. Für seine Mercedes-Fahrzeuge vertraut er auf die Fähigkeiten von Harald Vollmer, der in Barmstedt nördlich von Hamburg seine Oldtimer Fachwerkstatt für alle Mercedes Young- und Oldtimer hat.
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Als er in Holland einen interessanten Porsche 356 C fand, ein schiefergraues Matching Numbers Fahrzeug, bekam er von seinem Freund Tim Nagel einen Tipp. „Tim arbeitet beim Spezialversicherer für Oldtimer, OCC. Er kennt sich sehr gut in der Branche aus und hat mir den Gutachter Sascha Zander empfohlen, der wiederum kam sofort auf Peter Andresen zu sprechen“, erklärt Neunaber. Gemeinsam mit Andresen ging es nach Holland, um den Porsche 356 C eingehend zu begutachten. Wenig später begann Porsche-Spezialist Andresen bereits mit der Restauration. Originalgetreu und behutsam dauerte sie fast zwei Jahre. Neunaber nahm sich eine Auszeit, um selbst mitzuhelfen. „Das war mal was ganz anderes; harte und zum Teil quälende Arbeit. Es floss viel Schweiß und sogar ein bisschen Blut“, blick er zurück, „es war ein ganz besonderes Projekt. Ich habe viel Neues erlernt und auch einen ganz besonderen Bezug zu meinem Porsche 356 aufgebaut.“

Schutzengel-Tipp

Vor dem Kauf eines Oldtimers sollten Sie einen erfahrenen Gutachter hinzuziehen. Der Wert eines Autos bemisst sich anhand verschiedener Faktoren und gegebenenfalls müssen auch Kosten für die Instandsetzung Ihres Traumautos berücksichtigt werden. Die Spezialisten der OCC helfen Ihnen gern weiter.
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Gleichzeitig überlegte Neunaber, sich mit dem An- und Verkauf von Young- und Oldtimern selbstständig zu machen und sein gesammeltes Oldtimerwissen als Berater anzubieten. „Beim Kauf von Oldtimern kann man viel falsch machen und auch sehr schnell viele Tausend Euro in den Sand setzen“, erklärt er, „das ist mir zum Glück nie passiert - aber ich habe das immer wieder gesehen.“ Für fachkundige Einschätzungen und Bewertungen sei es sehr wichtig, die richtigen Leute zu kennen und bereits vor dem Kauf erfahrene Oldtimer-Experten hinzuzuziehen.

Nach der Finanzkrise 2008 investierten sowohl viele Privatleute als auch Investmentfirmen verstärkt in Sachwerte: Oldtimer als Garagengold. Auch für Neunaber spielte bei seinen Fahrzeugkäufen nicht nur der Spaßfaktor eine Rolle. „Ich habe mir auch die Zahlen ganz genau angeschaut. Die Kosten für Kauf, Überführung und Instandsetzung sind zum Teil doch erheblich“, erzählt er. Dank der Wert­steige­rungsraten blieb manchmal aber auch etwas Geld übrig, wenn er sich später wieder von einem Fahrzeug trennen musste. Gut zehn, fünfzehn Jahre gingen die Preise fast nur bergauf. In ungewöhnlich kurzer Zeit verdoppelte oder verdreifachte sich der Wert einiger Autos. 2015/2016 beruhigte sich der Markt jedoch zusehends. „Das war auch gut und richtig. Der Markt hatte sich einfach viel zu stark aufgeheizt“, meint Neunaber. Seiner Einschätzung nach wird sich der Oldtimermarkt weiter konsolidieren, so dass nur noch echte Oldtimer von besonderem Interesse mit einem gewissen Museumscharakter bestehen können.
Ihn selbst begeistern vor allem die Modelle der 1950/60er Jahre und früher: „Diese Gerüche, die Stoffe, Kunststoffe, der Sound und das Blech - das sind für mich schon echte Antiquitäten.“ Auch die Kosten für den Besitz eines Oldtimers werden seiner Ansicht nach steigen. Viele Länder in Europa, wie, Holland, Frankreich, Italien erheben bereits eine Luxussteuer auf alte Autos und auch die steigenden Umweltvorgaben machen es nicht einfacher. Einen Großteil seiner eigenen Sammlung löste Neunaber 2018 auf. „Ich hätte sie am liebsten alle behalten, aber es hat mich einfach zu viel Zeit und auch Geld für die Pflege, Stellplätze und Werkstatt gekostet“, räumt er ein, „außerdem musste ich einige hohe Rechnungen für die Porsche Restaurierung stemmen.“ Seine Autos verkaufte er auch an Neulinge der Oldtimerszene und ermöglichte ihnen damit den Einstieg in ein Hobby, dem er selbst so viel Leidenschaft entgegenbringt.
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Zum Beruf hat Neunaber sein Hobby dann aber doch nicht gemacht. Für einen neuen Job ging er nach Berlin, ist aber immer wieder in Hamburg - zum Beispiel für Benz&Bier. „Das ist sind ein paar Freunde, Schrauber und Oldtimerfans“, klärt er auf, „wir treffen uns in unregelmäßigen Abständen an der Hamburger Oberhafenkantine, schnacken und fahren natürlich gemeinsam durch die Stadt.“ Auf Facebook gibt es auch eine eigene Benz&Bier-Seite, auf der es regen Austausch über altes Blech aller Marken oder das nächste Treffen gibt. Ganz ungezwungen ist Neunaber mit seinem Porsche 356 C aber nicht mehr unterwegs. Zu wertvoll ist das gute Stück durch die Restauration geworden. „Mit anderen Autos bin ich auch mal an die Ostsee zum Kiten gefahren, den Porsche würde ich da nicht mehr so einfach stehen lassen“, meint er etwas wehmütig. Bei Fahrten durch die kurvige Holsteinische Schweiz oder auf dem Nürburg-Ring kann er den kleinen Sportwagen dann aber doch in vollen Zügen genießen. Seine Leidenschaft für altes Blech ist ungebrochen: „Ich bin nach wie vor einfach fasziniert und habe einen Riesenspaß.“ Weitere Oldtimer wird er mit Blick auf die Marktentwicklung aber wohl nicht kaufen. Nur bei einem Porsche 904 mit seinen abgefahrenen Formen könnte er vielleicht doch noch mal schwach werden. „Der wurde aber nur 116-mal gebaut und erreicht daher Preise von über eine Million Euro“, erklärt Neunaber, „so ein tolles und besonderes Fahrzeug werde ich mir wohl leider nie leisten können, aber es ist ja schön Träume zu haben.“


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Lesetipp "Abenteuer für den guten Zweck"

Ohne GPS und Navigationsgerät fuhren Marc Niklas Petersen und Ruwen Beismann einmal rund um die Ostsee - 7.500 Kilometer in 16 Tagen durch 10 Länder. Für das Flensburger Katharinen-Hospiz sammelten sie damit mehr als 4.000 Euro.

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Text: Beatrix Richter
Quellenangabe Fotos: Beatrix Richter, Pat Scheidemann, AIDA Cruises, Hendrik Wenzel, Matthias Mauch