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Remote Work: Chancen & Risiken des mobilen Arbeitens

  • Mann mit Elbe im Hintergrund © Westend61/f1online
Tobias Schnell
Ein Wort-Duo dominiert die Arbeitswelt: REMOTE WORK. Nicht erst seit Corona. Doch mit der Pandemie hat es einen Boom erlebt, der seinesgleichen sucht. Dies belegen auch aktuelle Studien. Dabei geht es um nichts anderes als mobiles Arbeiten. Also: Arbeiten außerhalb der Firma. Doch was für die einen die Traumvorstellung ist, ist für andere ein Graus. Die Flexibilität hat eben nicht nur positive Seiten. Ein Perspektivwechsel.
Jeden Tag packt Tobias Schnell Laptop, Handy und Geldbörse ein und macht sich auf in ein Café. Oft ist es das gleiche am Mühlenkamp in Hamburg. Aber es zieht ihn auch an neue Orte. „Es kommt auch schon mal vor, dass ich morgens spontan in den Zug steige, dann nach Berlin fahre, mich dort in zwei Cafés setze und abends zurück nach Hause fahre“, erzählt der Inhaber einer Eventagentur. Nicht etwa, weil der Kaffee dort besser schmeckt als zuhause, sondern weil diese Orte Tobias Schnells Büroersatz sind.

Das Café als Ort der Inspiration

Er arbeitet seit Jahren mobil, so gut wie nie in den eigenen vier Wänden, höchstens dann und wann an einem Arbeitsplatz in einem Co-Working Space. Für ihn bedeutet diese Art zu arbeiten Freiheit, sie bedeutet aber vor allem Inspiration. „Ich treffe täglich auf unterschiedliche Menschen, Branchen, Themen und Blickwinkel“, sagt Tobias Schnell. „Die Vielfalt und der Austausch mit anderen bereichern mich privat wie beruflich.“ Ein Team aus dem Café heraus anleiten, eine Veranstaltung organisieren, mit dem Dienstleister sprechen: Für den Hamburger ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil: „Es kommt lediglich auf gute Organisation und Selbstdisziplin an.“
  • remotework-buehne2

    Homeoffice mit Kindern? Eine Herausforderung

Ausgerechnet letztere ist für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gar nicht so einfach. Wenn sich Berufliches zum Beispiel im privaten Umfeld, also im Homeoffice, abspielt, verschwimmen die Grenzen leicht. Schnell noch den Einkauf erledigen, die Wäsche waschen, die Zeitung lesen: Private und berufliche Aufgaben voneinander getrennt zu betrachten, will gelernt sein.

Doch manchmal hilft selbst die größte Selbstdisziplin nicht, wie das Beispiel von Sandra und Jochen Beermann* zeigt. Das Paar hat drei Kinder im Alter von 5, 7 und 9 Jahren. Von heute auf morgen waren beide zum Homeoffice verbannt. Die Kita geschlossen, die Schulen dicht. 
Eine Wohnung in der Stadt ohne eigenes Büro und der Erwartungshaltung der Chefs: Die Arbeit geht weiter. „Das war extrem schwer“, sagen die Eheleute. Vier Wochen lang probiert es das Paar und auch die Kinder ziehen mit. Dennoch: „Es ist eine enorme Belastung für die Kleinen, die Familie und auch die Partnerschaft“, sagen die Eltern. Nach vier Wochen können beide zurück ins Büro – zumindest teilweise. Bis heute jonglieren sie zwischen Homeoffice, Privatleben und dem Anspruch an ihre Arbeit. „Mit Blick auf den Herbst wird einem angst und bange“, gesteht der Familienvater. Mobiles, flexibles Arbeiten und Homeoffice begrüßen beide grundsätzlich. Allerdings nur unter einer Prämisse: Man muss sich nicht zeitgleich um die Kinder kümmern. 

Der Preis der Flexibilität

„Die erhöhte Flexibilität bei der Wahl des Arbeitsplatzes ist ein zweischneidiges Schwert“, bestätigt Dr. Susanne Steffes. Gemeinsam mit Kollegen veröffentlicht die Juniorprofessorin an der Universität zu Köln jährlich die sogenannte ZEW-Kurzexpertise zum Thema Arbeiten im Homeoffice. 2019 nannten demnach die Hälfte der Befragten, die im Homeoffice arbeiten, Homeoffice als Vorteil einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Jedoch berichteten beinahe ebenso viele von Problemen bei der Trennung zwischen beidem.

„Ohne Frage hat die Corona-Pandemie dem Thema mobile Arbeit einen enormen Schub verliehen, und damit auch viel größere Akzeptanz bei den Arbeitgebern“, sagt Susanne Steffes. Zwar belegten auch die Erhebungen in den vergangenen Jahren einen kontinuierlichen Anstieg beim Thema Homeoffice in Deutschland, jedoch im niedrigen zweistelligen Bereich. „Aktuell ist der Wert exponentiell auf 54 Prozent angestiegen“, sagt Susanne Steffes.

Plötzlich ist vieles möglich

Spannend wird sein, wie sich diese Zahlen in Folge der Corona-Pandemie langfristig verändern werden. Fest steht schon heute: Aufgrund der Corona-Pandemie haben viele Unternehmen schnell reagiert und Homeoffice organisiert, sofern dies im Produktions- und Dienstleistungsbetrieb möglich war. „Die Unternehmen lernen gerade viel dazu“, sagt Susanne Steffes. „Was bisher vielfach als undenkbar oder nicht praktikabel galt, ist plötzlich möglich.“ War die Angst vor Kontrollverlust in der Vergangenheit meist der größte Motor für die etablierte Präsenzkultur, stellen viele Führungskräfte plötzlich fest: Es geht auch anders.
Susanne Steffes
Michael Riermeier © Raum Für Führung

Unternehmen lernen dazu

Unterstützung beim Lernen holen sich Unternehmen unter anderem bei Raum Für Führung (RF/F). Die Frankfurter Beratung ist spezialisiert auf Führungskräfteentwicklung sowie Lernen digital und in Präsenz. Um nichts anderes geht es letztlich bei der Einführung und Etablierung von Remote Work. „Wenn das Team plötzlich nicht mehr im Büro arbeitet und greifbar ist, bedeutet dies eine komplett neue Organisation von Führung“, sagt Geschäftsführer Michael Riermeier. „Zeitgleich eröffnet sich stets ein Vertrauensthema, denn viele Führungskräfte quält immer noch die Frage: Wie kann ich wissen, dass mein Mitarbeiter arbeitet, wenn ich ihn nicht sehe.“

Kommunikation werde zum wesentlichen Schlüssel, um erfolgreich aus der Ferne zu führen, sagt Michael Riermeier. Ganz besonders am Anfang von Remote Work, weil sich Arbeitsabläufe veränderten und sich das gesamte Team auf fremden Pfaden bewege.RF/F begleitet Unternehmen auf diesem Weg sowohl bei ganz konkreten akuten Herausforderungen (z.B. durch 1:1 Online-Coachings, offene und firmeninterne Webinare), aber auch langfristig bis hin zur Entwicklung und Etablierung ganzer Lernketten. „Es ist mobil und digital viel mehr möglich – und übrigens auch oft viel einfacher – als wir denken“, sagt Michael Riermeier.
Dabei umfassen mobiles Arbeiten und Remote Work nicht zwangsläufig Arbeiten im Homeoffice, sondern an jedem beliebigen Ort. Co-Working-Spaces können hierbei eine Option sein. Zum Beispiel für all jene, die sich die weite Anfahrt zum Arbeitsplatz sparen möchten, aber zuhause keine Ruhe finden, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Oder für solche, die als Start-up mit geringeren Kosten und kurzen Kündigungsfristen die ersten unternehmerischen Schritte wagen wollen.

Die gute Nachricht ist: Co-Working-Angebote gibt es längst nicht mehr nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Land. Auf Gut Mechow am Schaalsee wurde vor Kurzem sogar ein Pop-up Co-Working-Space eröffnet. Auf einem Pferdgestüt mit Blick über die Felder, dem Schaalsee vor der Tür und der Option, auch zu übernachten – quasi arbeiten, wo andere Urlaub machen.

Auch Unternehmen und Kommunen profitieren

Der Anbieter CoWorkLand ist als Genossenschaft organisiert und bietet bundesweit Räume für mobiles Arbeiten auf dem Land an. Der Vorteil liegt für Geschäftsführer Ulrich Bähr auf der Hand: Geringere Mietkosten, hohe Flexibilität für die Mieter, vollständige Infrastruktur, die das mobile Arbeiten stützt: Glasfaser-Anschluss, Beamer, Whiteboards, Konferenzräume, Gemeinschaftsküchen u.v.m. „Die Anbindung an den ÖPNV ist außerdem Pflicht“, sagt Ulrich Bähr.

Ein Konzept, das übrigens auch für Kommunen, die im Wettbewerb mit städtischen Standorten attraktiv bleiben möchten, interessant ist. So etwa das neue Angebot der Gemeinde Gettorf in Schleswig-Holstein in Kooperation mit CoWorkLand. Obwohl der Co-Working-Space erst im Oktober öffnet, seien schon jetzt alle Plätze ausgebucht, berichtet Ulrich Bähr.

Auch für etablierte Unternehmen rücken Co-Working-Spaces weiter in den Fokus – vor allem in den Personalabteilungen, denn im Hinblick auf Personalmangel, kann das Angebot, statt im fernen Büro im nahe gelegenen Co-Working zu arbeiten, ein Wettbewerbsvorteil sein. Eine Rechnung, die sich laut Ulrich Bähr auch finanziell auszahle. „Ein durchschnittlicher Konzernarbeitsplatz kostet 1200 Euro im Monat“, sagt er. „Im Co-Working sind es nur etwa 250 bis 300 Euro pro Monat.“
Gut Mechow CoWork Land

Eine völlig neue Arbeitswelt

Egal, ob Café, Homeoffice oder Co-Working-Space: Die Arbeitswelt in Deutschland wird nach der Corona-Pandemie eine komplett andere sein als davor. Und dennoch werde es Rückbewegungstendenzen geben, ist sich Susanne Steffes sicher. Sie prognostiziert: „Es wird künftig sicher mehr Optionen für Homeoffice und Co-Working in Deutschland geben. Unternehmen bereiten schon jetzt entsprechende Betriebsvereinbarungen vor. Jedoch wird ein Teil der Berufstätigen freiwillig an den Arbeitsplatz zurückkehren, vor allem um Berufs- und Privatleben strikt zu trennen.“ Bei allen Entwicklungen gibt die Juniorprofessoren eines zu bedenken: „Nicht jeder kann mobil oder von zuhause arbeiten. Viele Jobs erfordern es, am Arbeitsplatz zu sein, etwa im Einzelhandel, in der Produktion und Gastronomie.“ Und dies ist nicht nur für Menschen wie Tobias Schnell wichtig. Auch an diesem Tag ist er wieder zum Arbeiten in ein Café gefahren. Mobil arbeiten, Remote Work: Für ihn ist nichts anderes denkbar.  
Frau / Video-Call © fotolia / Silke Schmidt

Schutzengel-Tipp

Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen, ist nicht nur in Corona-Zeiten eine Herausforderung. Wie gut, wenn das Leben einem zumindest an einigen Stellen erleichtert wird. Die Provinzial hat viele hilfreiche Tipps für Familien und solche, die eine planen, zusammengestellt. Schauen Sie doch mal auf dieser Seite vorbei. Sie sind mit Ihren Herausforderungen nicht allein. 



Text: Maike Lücke
Quellenangabe Fotos: Westend61/f1online, Ulrich Bähr ©CoWorkLand, Dr. Susanne Steffes, Tobias Schnell, Michael Riermeier © Raum Für Führung, Gut Mechow / Co-Working-Space ©CoWorkLand